Zusammen mit dem einfühlsamen Pianisten Marcelo Amaral interpretierte sie zunächst mit wunderbarer Ausdruckskraft und weichem Timbre "Rheinlegendchen", "Ablösung im Sommer", Frühlingsmorgen" und "Erinnerung" von Gustav Mahler, wobei die melodischen Kantilenen und reizvollen Motive nur so aufblühten. Die fünf Lieder nach Friedrich Rückert von Gustav Mahler gerieten dann zu einem ergreifenden gesanglichen Höhepunkt, wobei auch die leisen Schattierungen nicht zu kurz kamen. Tonfall, Rhythmus und Wortwahl des alten Volkslieds machten sich ebenfalls in bewegender Weise bemerkbar, wobei "Ich bin der Welt abhanden gekommen", "Liebst du um Schönheit" sowie "Um Mitternacht" mit feiner Dynamik hervorstachen. Der Tonfall von einst wird hier in berührender Weise wiedergefunden und ins moderne Bewusstsein erhoben. Dies ist auch bei "Blicke mir nicht in die Lieder!" und "Ich atmet' einen linden Duft" der Fall. Gerade diese Intention Mahlers verdeutlichten Julia Kleiter und Marcelo Amaral bei diesem Galeriekonzert in ganz hervorragender Weise. Misch- und Spaltklänge sowie bestimmte Klangfarben waren hier immer wieder in geheimnisvoller Weise herauszuhören. Sphärenhafte Klangflächen erreichten eine sehr berührende Aura.
Spätromantische Kühnheit beherrschten bei dieser leidenschaftlichen Interpretation auch die Lieder von Erich Wolfgang Korngold unter dem Titel "Unvergänglichkeit" op. 17. Dabei wurden die einzelnen thematischen Verbindungslinien höchst sensibel und eruptiv offengelegt. Einzelne Nummern wie "Das eilende Bächlein", "Das schlafende Kind" und "Stärker als der Tod" verblüfften mit starker emotionaler Kraft sowie kühnen harmonischen Wendungen und Intervallen. Manches erinnerte auch an Korngolds bemerkenswerte Opern und an seine ausgedehnten Filmkompositionen. Neben spätromantisch-polyphoner Vielgestaltigkeit fiel hier insbesondere die Nähe zu Felix Mendelssohn Bartholdy auf, die bei einzelnen Kantilenen aufblitzte. Aber es gab auch Anklänge an den hymnischen und geradezu ekstatischen Überschwang von Richard Strauss, den Julia Kleiter sehr emotional und mit strahlkräftigen Spitzentönen betonte.
Von Richard Strauss erklangen dann zuletzt die Lieder "Verführung", Waldseligkeit", "Traum durch die Dämmerung" sowie "Muttertändelei". Die knapp und prägnant gefassten Themen wuchsen bei dieser Wiedergabe ins betont Riesenhafte. Eine nervös-sinnliche Glut der Melodien wurde von Julia Kleiter zusammen mit Marcelo Amaral einfühlsam betont. Die scheinbar entfesselt hin und her springende Harmonik fingen die beiden Künstler immer wieder in eindrucksvoller Weise ein. Der federnde Schwung des Rhythmus und die Farbenglut des "Poetischen" setzten sich dann in beglückender Weise durch. Virtuose und bestechende Klangvisionen gipfelten in einer unbeschreiblichen Klangpracht.
Für den begeisterten Schlussapplaus bedankte sich das Duo unter anderem mit "Morgen" von Richard Strauss. Der Vortrag wirkte hier stark verinnerlicht und fesselte aufgrund seiner Intensität. Aber auch "Ständchen" op. 17 Nr. 2 (ebenfalls von Richard Strauss) als weitere Zugabe verzauberte das Publikum aufgrund des magisch-beschwörenden Gesangs.

